LKW-Reifen mit ungleichmäßigem Schulterverschleiß richtig beurteilen
FT Praxiswelt – LKW-Reifen
LKW-Reifen mit ungleichmäßigem Schulterverschleiß richtig beurteilen
Ungleichmäßiger Schulterverschleiß an einem LKW-Reifen ist zunächst ein Hinweis auf eine besondere Beanspruchung – aber noch keine eindeutige Diagnose. Je nach Achsposition können Reifenfülldruck, Achslast, Fahrwerk, Achsgeometrie, Rangierbetrieb und das tatsächliche Einsatzprofil völlig unterschiedliche Verschleißbilder verursachen.
Deshalb sollte eine stark ablaufende Innen- oder Außenschulter nicht automatisch als Reifenfehler bewertet werden. Entscheidend ist, ob der Reifen auf der Lenkachse, Antriebsachse oder Trailer-/Aufliegerachse eingesetzt wird und welche technischen beziehungsweise betrieblichen Einflüsse dort wirken.
Lenkachse, Antriebsachse und Trailerachse getrennt beurteilen
Lenkachse
Hier spielen Radführung, Achsgeometrie, Lenkbewegungen, Kurvenbelastung und unterschiedliche Reifenfülldrücke eine besonders wichtige Rolle.
Antriebsachse
Zusätzlich wirken hohe Antriebskräfte, Lastverteilung und bei Zwillingsbereifung das Zusammenspiel der beiden nebeneinander laufenden Reifen.
Trailer- & Aufliegerachse
Bei mehrachsigen Aufliegern können enge Kurven und Rangierbewegungen zu erheblichem seitlichem Schieben der Reifen führen.
Dasselbe Verschleißbild kann an verschiedenen Achspositionen unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb bei der Beurteilung immer zuerst klären, auf welcher Achse der Reifen eingesetzt wird.
1. Lenkachse: einseitigen Schulterverschleiß nicht isoliert betrachten
Die Lenkachse reagiert besonders sensibel auf Abweichungen bei Radstellung und Fahrzeuggeometrie. Läuft nur die Innen- oder Außenschulter eines Reifens deutlich schneller ab, sollten deshalb mehrere Bereiche gemeinsam betrachtet werden.
Technische Prüfpunkte
- Achsgeometrie kontrollieren
- Spureinstellung berücksichtigen
- Lenkungs- und Fahrwerksteile prüfen
- Radlagerung kontrollieren
- auf sichtbare Schiefstellung des Rades achten
Betriebliche Prüfpunkte
- tatsächlichen Reifenfülldruck prüfen
- Achslast berücksichtigen
- häufigen Stadt- oder Nahverkehr einbeziehen
- viele enge Kurven berücksichtigen
- typisches Streckenprofil beachten
Gerade an der Lenkachse können Geometrie, Radführung, Belastung und Einsatzbedingungen die Innen- oder Außenschulter erheblich beeinflussen.
2. Innen- und Außenschulter getrennt messen
Eine reine Sichtprüfung reicht bei beginnendem Schulterverschleiß häufig nicht aus. Sinnvoller ist es, die Profiltiefe an mehreren vergleichbaren Stellen über die Laufflächenbreite zu kontrollieren.
Außenschulter
Profiltiefe an einer geeigneten und vergleichbaren Messstelle dokumentieren.
Laufflächenmitte
Den mittleren Profilbereich als Vergleich zur Entwicklung an den Schultern heranziehen.
Innenschulter
Nicht vergessen. Gerade die Fahrzeuginnenseite ist am montierten LKW-Rad häufig schlechter einsehbar.
Profiltiefen und Kilometerstand dokumentieren. Bei einer späteren Kontrolle lässt sich dadurch besser erkennen, ob sich der Unterschied langsam oder ungewöhnlich schnell vergrößert.
3. Linke und rechte Fahrzeugseite miteinander vergleichen
Bei auffälligem Schulterverschleiß sollte nie nur der einzelne Reifen betrachtet werden. Die gegenüberliegende Radposition derselben Achse liefert wichtige Vergleichsinformationen.
Nur eine Fahrzeugseite betroffen
Dann werden lokale Einflüsse wie Radstellung, Lagerung, Achsgeometrie, Reifenfülldruck oder ein mechanisches Problem besonders interessant.
Beide Seiten ähnlich betroffen
Dann können Einsatzprofil, Achslast, Reifenfülldruck oder die grundsätzliche Fahrwerks- beziehungsweise Achsbeanspruchung stärker in den Vordergrund rücken.
Die übrigen Reifen derselben Achse liefern häufig wichtige Hinweise darauf, ob eine Auffälligkeit nur an einer Radposition oder systematisch auftritt.
4. Reifenfülldruck und tatsächliche Achslast zusammen betrachten
Der Reifenfülldruck sollte bei LKW-Reifen nicht unabhängig von Belastung und Einsatz beurteilt werden. Die passende Einstellung hängt unter anderem von Reifenausführung, tatsächlicher Achslast, Geschwindigkeit, Einsatz und den jeweiligen Herstellerangaben ab.
Zu niedriger Reifenfülldruck
Kann eine stärkere Reifenverformung und eine erhöhte Beanspruchung bestimmter Laufflächen- und Schulterbereiche begünstigen.
Unpassend hoher Reifenfülldruck
Ist ebenfalls keine sinnvolle Lösung. Der Druck muss zur tatsächlichen Belastung und zur vorgesehenen Reifenausführung passen.
Für die Beurteilung gehören Reifenfülldruck, Achslast, Reifenausführung, Geschwindigkeit und Einsatzbedingungen zusammen. Maßgeblich sind die zum jeweiligen Reifen und Fahrzeug passenden Vorgaben.
5. Gesamtgewicht und einzelne Achslast sind nicht dasselbe
Ein LKW kann hinsichtlich seines Gesamtgewichts zunächst unauffällig erscheinen und trotzdem eine einzelne Achse ungünstig oder besonders hoch belasten. Für den Reifen ist entscheidend, welche Last tatsächlich an seiner Achsposition anliegt.
- Welche Achse zeigt den auffälligen Verschleiß?
- Wie hoch ist die tatsächliche Belastung dieser Achse?
- Wie wird das Fahrzeug im Alltag üblicherweise beladen?
- verändert sich die Lastverteilung zwischen verschiedenen Einsätzen?
- tritt der Verschleiß auf beiden Fahrzeugseiten ähnlich auf?
Bei LKW-Reifen nicht allein auf das Gesamtgewicht des Fahrzeugs schauen. Für die Beanspruchung des einzelnen Reifens ist die tatsächliche Belastung seiner jeweiligen Achs- und Radposition entscheidend.
6. Antriebsachse: Antriebskräfte und Einsatz berücksichtigen
Reifen auf der Antriebsachse übertragen hohe Antriebskräfte auf die Fahrbahn. Ihr Verschleißbild sollte deshalb anders bewertet werden als das eines frei rollenden Trailerreifens.
Antriebskräfte
Beschleunigung und hohe Zugkräfte beeinflussen die Beanspruchung der Lauffläche.
Achslast
Die tatsächliche Belastung muss zur Reifenausführung, Tragfähigkeit und zum Reifenfülldruck passen.
Einsatzprofil
Nahverkehr, Baustelle, Rangierbetrieb oder Fernverkehr können sehr unterschiedliche Verschleißbeanspruchungen erzeugen.
7. Zwillingsbereifung an der Antriebsachse immer gemeinsam beurteilen
Bei Zwillingsbereifung arbeiten zwei Reifen unmittelbar nebeneinander. Unterschiede bei Reifenfülldruck, Verschleißzustand oder tatsächlichem Außendurchmesser können die Lastverteilung innerhalb des Reifenpaares beeinflussen.
Beide Reifen vergleichen
- Reifenfülldruck
- Profiltiefe und Verschleißzustand
- Reifenmodell und Ausführung
- tatsächliche Reifenhöhe beziehungsweise Außendurchmesser
- sichtbare Beschädigungen
Auch schwer sichtbare Bereiche prüfen
- innere Schulterbereiche
- Reifenflanken
- Zwischenraum der Zwillingsbereifung
- Fremdkörper
- Scheuer- oder Kontaktspuren
Unterschiedliche Druckverhältnisse oder deutlich abweichende tatsächliche Außendurchmesser können dazu führen, dass die beiden Reifen innerhalb des Zwillingspaares nicht gleichmäßig beansprucht werden.
8. Trailer- und Aufliegerreifen: Rangierbetrieb kann die Schultern stark beanspruchen
Bei mehrachsigen Aufliegern folgen nicht alle Reifen in einer engen Kurve exakt derselben natürlichen Fahrspur. Beim Rangieren können einzelne Reifen deshalb deutlich seitlich über die Fahrbahn geschoben werden.
Enge Betriebshöfe
Viele starke Richtungsänderungen und kurze Wendemanöver erhöhen die seitliche Beanspruchung.
Rampenbetrieb
Häufiges Rückwärtsrangieren und wiederholtes Korrigieren kann die Reifen stark seitlich beanspruchen.
Stadt- und Baustelleneinsatz
Enge Fahrwege, hohe Lasten und häufige Richtungswechsel können zusätzlichen Schulterabrieb erzeugen.
Starker Schulterabrieb an Trailerreifen kann durch Rangier- und Schiebebelastung entstehen. Das tatsächliche Einsatzprofil sollte berücksichtigt werden, bevor der Verschleiß als Reifen- oder Materialfehler eingeordnet wird.
9. Rangierabrieb bei Trailerreifen richtig einordnen
Bei der Beurteilung sollte unterschieden werden, ob die Schulter durch seitliches Schieben stark abgerieben wird oder ob ein anderes technisches Verschleißproblem vorliegt.
- Welche Achse des Aufliegers ist besonders betroffen?
- tritt der Verschleiß auf beiden Fahrzeugseiten auf?
- wie häufig wird auf engem Raum rangiert?
- wie sieht der übrige Laufflächenbereich aus?
- gibt es gleichzeitig Hinweise auf Achs- oder Fahrwerksprobleme?
- tritt der Verschleiß bei mehreren vergleichbaren Reifen ähnlich auf?
Bei Trailerreifen kann die Information „häufiger Rangierbetrieb auf engem Hof“ für die Verschleißbeurteilung genauso wichtig sein wie die reine Profiltiefenmessung.
10. Schulterverschleiß nicht mit Sägezahn oder Auswaschungen vermischen
Bei dieser Prüfung geht es gezielt um deutlich stärker ablaufende Innen- oder Außenschulterbereiche. Andere Verschleißbilder wie Sägezahn, Auswaschungen oder unregelmäßig ablaufende Profilblöcke haben teilweise andere Ursachen und sollten separat beurteilt werden.
Schulterverschleiß
Ein Bereich nahe einer Reifenseite läuft deutlich stärker ab als der übrige Profilbereich.
Andere Verschleißbilder
Unterschiedliche Profilblockhöhen, Sägezahnbildung oder lokale Auswaschungen gehören in eine eigene Fehleranalyse.
11. Ein neuer Reifen beseitigt keinen Geometrie- oder Fahrwerksfehler
Wird ein technischer Grund für den Schulterverschleiß festgestellt, muss die Ursache fachgerecht behoben beziehungsweise beurteilt werden. Nur den abgefahrenen Reifen zu ersetzen, löst das zugrunde liegende Problem nicht.
Profiltiefen über die Laufflächenbreite messen und beide Fahrzeugseiten miteinander vergleichen.
Tatsächliche Werte an der betroffenen Achse kontrollieren und mit den passenden Vorgaben abgleichen.
Die reale Belastung der betroffenen Achse in die Diagnose einbeziehen.
Bei einseitigem Verschleiß mögliche mechanische Ursachen kontrollieren.
Bei entsprechendem Verdacht eine fachgerechte Vermessung beziehungsweise Prüfung durchführen lassen.
Anschließend entscheiden, ob der vorhandene Reifen weiter eingesetzt werden kann oder ersetzt werden muss.
Nach Reparatur, Einstellung oder Reifenwechsel die weitere Entwicklung beobachten.
Wird nur der abgefahrene Reifen ersetzt, während die eigentliche Ursache bestehen bleibt, kann der neue Reifen dasselbe Verschleißbild erneut entwickeln.
Schulterverschleiß nach Achsposition praktisch einordnen
| Achsposition / Auffälligkeit | Möglicher Zusammenhang | Besonders prüfen |
|---|---|---|
| Lenkachse – Außenschulter stark abgelaufen | Achsgeometrie, Kurvenbetrieb oder Radführung möglich | Spur, Fahrwerk, Reifenfülldruck und Einsatz |
| Lenkachse – Innenschulter stark abgelaufen | Radstellung oder Fahrwerkseinfluss möglich | Geometrie, Lagerung und Radführung |
| Nur ein Reifen einer Achse betroffen | lokaler technischer Einfluss möglich | Reifenfülldruck, Lagerung, Radstellung und Fahrwerk |
| Beide Fahrzeugseiten ähnlich betroffen | Einsatz, Achslast oder grundsätzliche Achsbeanspruchung möglich | Achslast, Reifenfülldruck und Fahrprofil |
| Antriebsachse – Schulterverschleiß | Last, Antriebskräfte oder Einsatzbedingungen möglich | Achslast, Druck und Einsatz |
| Zwillingsreifen unterschiedlich verschlissen | Druck, Verschleißzustand oder Außendurchmesser unterschiedlich | komplettes Zwillingspaar vergleichen |
| Trailerreifen mit starkem Schulterabrieb | Rangier- und Schiebebelastung möglich | Einsatzprofil und Achsposition |
| Mehrere Trailerachsen betroffen | Rangierbetrieb, Fahrwerks- oder Achseinflüsse möglich | Auflieger, Einsatz und Achsen gemeinsam beurteilen |
Wann sollte ungleichmäßiger Schulterverschleiß genauer untersucht werden?
- Profilunterschied zwischen Innen- und Außenschulter nimmt schnell zu
- nur ein Reifen verschleißt erheblich schneller als die Gegenseite
- Rad steht sichtbar schief
- Fahrzeug zieht auffällig zu einer Seite
- Lenkung oder Fahrverhalten hat sich verändert
- deutliches Lager-, Lenkungs- oder Fahrwerksspiel ist vorhanden
- Schulter zeigt zusätzlich Risse, Ausbrüche oder andere Beschädigungen
- Zwillingsreifen unterscheiden sich deutlich bei Druck, Verschleiß oder tatsächlicher Höhe
- ein neuer Reifen entwickelt nach kurzer Laufzeit erneut dasselbe Verschleißbild
Reifen, Achsposition, Reifenfülldruck, Achslast, Fahrwerk, Radführung und tatsächlicher Einsatz sollten gemeinsam beurteilt werden, bevor eine Ursache festgelegt wird.
Passendes Wissen aus der FT Wissenswelt
Wer Verschleißbilder an LKW-Reifen richtig beurteilen möchte, sollte neben der einzelnen Auffälligkeit auch Aufbau, Einsatz und Lebenszyklus des Reifens kennen. In der FT Wissenswelt finden Sie dazu weiterführende Grundlagen.
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Ist einseitiger Schulterverschleiß automatisch ein Reifenfehler?
Nein. Achsgeometrie, Radführung, Reifenfülldruck, Achslast und Einsatzbedingungen können den Schulterverschleiß wesentlich beeinflussen. Deshalb sollte das komplette technische und betriebliche Umfeld des Reifens geprüft werden.
Warum sollte die gegenüberliegende Fahrzeugseite kontrolliert werden?
Der direkte Vergleich hilft bei der Eingrenzung. Ist nur eine Seite stark betroffen, wird ein lokaler Einfluss interessanter. Sind beide Seiten ähnlich betroffen, können Einsatz, Achslast oder andere gemeinsame Faktoren stärker eine Rolle spielen.
Warum ist Zwillingsbereifung besonders zu beachten?
Beide Reifen arbeiten unmittelbar zusammen. Unterschiede bei Reifenfülldruck, Verschleißzustand oder tatsächlichem Außendurchmesser können beeinflussen, wie sich die Belastung innerhalb des Zwillingspaares verteilt.
Warum können Trailerreifen an den Schultern stark verschleißen?
Bei engen Kurven und Rangierbewegungen können Reifen mehrachsiger Auflieger seitlich über den Untergrund geschoben werden. Diese Schiebebewegungen können erheblichen Schulterabrieb verursachen.
Reicht es, bei Schulterverschleiß einfach einen neuen Reifen zu montieren?
Nicht wenn ein technischer oder betrieblicher Einfluss die Ursache ist. Achsgeometrie, Fahrwerk, Radführung, Reifenfülldruck und Belastung sollten kontrolliert werden, damit ein Ersatzreifen nicht erneut dasselbe Verschleißbild entwickelt.
Warum ist die Karkasse bei LKW-Reifen ein wichtiges Thema?
Die Karkasse ist ein zentraler Bestandteil des LKW-Reifens und kann auch für die weitere Nutzung beziehungsweise eine mögliche Runderneuerung relevant sein. Deshalb sollte ein Reifen nicht nur anhand der verbleibenden Profiltiefe beurteilt werden, sondern immer in seinem Gesamtzustand.
Praxiswissen zu Schulterverschleiß bei LKW-Reifen
FT Reifen verbindet über 35 Jahre praktische Erfahrung mit verständlichem Wissen rund um LKW-Reifen, Lenkachsen, Antriebsachsen, Zwillingsbereifung sowie Trailer- und Aufliegerreifen.
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